Geschichten, Landleben, Bücher, Hunde

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Kategorie: Kapitel 1

Der Hundehimmel kann warten Kapitel 1

Der Hundehimmel kann warten Kapitel 1

Benedikts Besuche in dem alten, vierstöckigen Mietshaus, das inmitten der neugebauten Einfamilien- und Reihenhäuser, die die schmale Straße am Ortsrand säumten, wie ein Überbleibsel aus einer anderen zeit wirkte, waren in den letzten Wochen zu einer fast täglichen Gewohnheit geworden. Auch die Nachbarn hatten sich schon daran gewöhnt, ihn kommen und wenige Minuten später das Haus wieder verlassen und einen weissen strubbeligen Terrier an der Leine führen, zu sehen. Der zwölfjährige Junge tat das beinahe jeden Tag, seit er Herrn Meyer und Willi kennen gelernt hatte. Anfangs hatte ihm der alte Mann leid getan, als er sah, wie er auf der Bank am Wallfahrtsweg saß und wie unter einer unsichtbaren Last nach vorne gebeugt gehend – den Hund ausführte, aber schon nach den ersten Augenblicken hatte er den Terrier mit seinen braunen Knopfaugen ins Herz geschlossen.

Besonders seine sanften braunen Augen hatten es ihm angetan. Augen die verwundert und manchmal auch vorwurfsvoll in eine Welt zu blicken schienen, die nicht im Augenblick leben will und lieber laut und hektisch sein will. Herr Meyer, dem man zwar, außer seinem gebeugten Gang nicht ansah wie schwer erkrankt er wirklich war und daher Mühe hatte den Weg zurück in sein Haus am Stadtrand zu finden. Er hatte nichts dagegen, dass er in der folgenden Zeit immer öfter zu ihm gekommen war, um mit Willi zu spielen oder spazieren zu gehen. Herr Meyer war froh und Willi freute sich schon jeden Tag auf Benedikt. Sein Bellen konnte er schon von Weitem hören – so als ob Willi merken würde, wenn er mit seinem Skateboard um die Ecke bog.

Nein, seine Besuche bei Herrn Meyer waren wirklich nichts Besonderes, so wie der ganze Tag, der Benedikts Lebens – wenigstens für eine Weile – so gründlich verändern sollte. Er begann eigentlich wie immer – langweilig: aufstehen, WhatsApp checken, Frühstück mit Mama und Papa und zur Schule gefahren zu werden. Busfahren am Morgen ist nicht so sein Ding. Die sechs Schulstunden, die nicht immer effektiv sind, da es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Schülern untereinander kommt und die Lehrerin sich mächtig aufregt, weil – ja weil – keine Ahnung wieso sie sich aufregt. Dazu heute noch eine Mathearbeit, die er vor lauter Aufregung wahrscheinlich wieder verhauen hat. Noten machen ihn wahnsinnig.

Doch Benedikt freute sich im Moment auf Willi und den Spaziergang den er mit ihm unternehmen wollte. Der Wallfahrtsweg zwischen Alzenau und Kälberau ist bei der Wärme ideal. Willi kann in den Wiesen mit ihm toben und Suchspiele machen, nach Mäusen buddeln und zur Abkühlung in die Kahl hüpfen. Die Kahl ist ein Bach der parallel durch die Stadt und einen Teil seiner Stadtteile verläuft. Er freute sich auf die nächsten Stunden und dachte nicht mehr an die Mathearbeit.

Wie immer konnte er Willis Bellen schon hören, noch bevor er klingelte. Willi hatte ihn schon gewittert und auf Benedikts Gesicht erschien ein glückliches Lächeln. Willi mochte ihn mindestens so sehr wie er ihn. Willi drehte sich im Kreis, bellte und sprang an Benedikt hoch und kuschelte sich an seine Brust.  Er konnte sich an keinen Tag erinnern, an der er ihn nicht mit fröhlichem Kläffen und Freudentanz empfangen hätte, kaum dass die Wohnungstür geöffnet worden war.

Er klingelte und gleich darauf hörte er Herrn Meyer, die Tür ging auf und ein weißer Wuschel huschte durch den Spalt und – ja wie immer halt – kläffen und hochspringen und im Kreise drehen. :)

willis große dunkle Augen leuchteten und sein Blick hatte diesen gewissen Ausdruck. Benedikt wußte was dieses wortlose Flehen bedeutete. Kraulen hinter dem rechten Ohr! Sein Lieblingskrauler. Erst dann stand er auf und begrüßte Herrn Meyer mit Handschlag. Nach Benedikts Meinung hatten der alte Mann und Willi überhaupt eine Menge gemeinsam: Sie waren beide klein und wirkten immer irgendwie verloren in dieser Welt und bei waren – jeder auf seine Art – die freundlichsten Wesen, die er kannte; Herr Meyer ein wirklich herzensguter netter alter Mann und Willi der liebste Hund, dem er jemals begegnet war. Sie passten zusammen, fand Benedikt.

Willst du gleich los? fragte Herr Meyer. Benedikt nickte, und der alte Mann drehte sich um und schlurfte zur Garderobe, an der Willis Leine hing. Manchmal – nicht sehr oft – blieb Benedikt noch für eine viertel oder halbe Stunde bei ihm. Es gab dann Kekse oder Kuchen, von dem der alte Mann immer einen Vorrat bereithielt. Benedikt spürte, wie sehr sich Herr Meyer über seine kurzen Besuche freute. Obwohl sie sich seit einem halben Jahr kannten, wußte Benedikt wenig von ihm. Aber er hatte das Gefühl, dass er ein sehr einsamer Mann war. Manchmal kam er sich ein bisschen gemein vor, sich nicht mehr um ihn zu kümmern – was machte schon eine Viertelstunde mehr oder weniger aus? Aber wie viele Kinder empfand er eine instinktive Scheu vor dem Alter, eine Art Respekt, der ihn unsicher machte und ihn kaum ein Wort herausbekommen ließ, wenn er mit Herrn Meyer zusammenwarf, außen wenn sie über Willi sprachen. Der alte Mann schien dies zu wissen und zu akzeptieren. Auch jetzt war auf seinem Gesicht wieder das gewohnte, liebe Lächeln, als er mit der Leine zurückkam und er ihm reichte; aber Benedikt spürte doch, wie enttäuscht er war.

Kommt heil wieder zurück, sagte Herr Meyer, als Benedikt Willi das bunte Halsband umgebunden hatte und wieder aufstand. Er sagte das immer, sodass er sich immer nur dachte: „Wie meine Mama!“ und sagte „Ja, klar und dann trinken wir noch eine Tasse Tee zusammen.

„Versprochen?“, vergewisserte sich Herr Meyer.

„Versprochen“ , bestätigte Benedikt. Er wartete bis Herr Meyer die Tür geschlossen hatte, dann drehte er sich um und lief die Treppe hinab. Willi war fast außer sich vor Freude, sich einmal richtig austoben zu können.

 

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