Geschichten, Landleben, Bücher, Hunde

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Jonathan und der Kleinbus – Kapitel 2

Der Tag war umheimlich heiß, und Benedikt war in Schweiß gebadet, kaum dass sie hundert Meter weit gerannt waren. Er hielt an, blieb einen Moment stehen, um Atem zu schöpfen, und ging dann langsam weiter, obwohl Willi ihn vorwurfsvoll anblickte und ein enttäuschtes Winseln hören lies.

Zehn Minuten mussten sie gehen, ehe sie das Ende der Straße erreichten. Bis zum Bahndamm waren es gut drei Kilometer. Ab und zu hörte man einen Zug vorbeirattern oder einen schrillen Pfiff. Hier gab es noch unbebautes Gelände, brachliegende Wiesen, wild wucherndes Gestrüpp, sogar ein keines Wäldchen mit einer Fichtenschonung, als hätte die Natur eine Barrikade errichten wollen, um dem Weiterwachsen der Stadt Einhalt zu gebieten. Die richtige Umgebung für einen Hund, um zu schnuppern, zu scharren und wild herumzutollen. Willi zerrte auch gleich an seiner Leine, aber Benedikt machte ihn noch nicht los. Später, wenn sie in sicherer Entfernung von der Straße und dem Verkehr waren, konnte er toben und streunen.

Sie waren kaum fünfzig Schritte den Feldweg entlanggegangen, da forderte hinter ihm eine Fahrradklingel schrill und gebieterisch Platz. Die rote Nummer 86 auf einem weißen T-Shirt schoss tief über den Lenker gebeugt an ihm vorbei, stemmte sich plötzlich in die Rücktrittbremse und sah sich nach ihm um. „He Benedikt!, Hast du den Köter schon wieder an der Leine? Ich habe dich doch erst heute Morgen damit gesehen!“

Es war Jonathan David, 14 Jahre und ein Kindergartenkamerad von damals. Benedikt und Jonathan waren vielleicht nicht das, was man dicke Freunde genannt hätte; genau genommen hatte Benedikt keine Lust von Jonathan dominiert zu werden. Der spöttische Ton, in dem er seine Frage gestellt hatte, und das herausfordernde Glitzern in seinen Augen ärgerten ihn. Aber er beherrschte sich und schluckt die scharfe Antwort, die ihm auf der Zunge lag, hinunter: „Ein Hund muss mindestens zweimal am Tag raus“, erklärte er.  Jonathan betrachtete ihn und Willi kritisch von oben herab. „Komisches Vieh“, sagte Jonathan kopfschüttelnd. „Hast du keine Angst, dass er sich selbst auf die Ohren tritt und hinfällt?“

Er lachte – was Benedikt in seiner Überzeugung bestärkte, dass er ihn nicht mochte (wenigstens jetzt nicht) – und fuhr fort: „Was kriegst du dafür?“ „Wofür?“, fragte Benedikt, der nicht verstand, worauf Jonathan hinauswollte. „Dass du mit dem Hund in der Gegend herumläufst“, erklärte Jonathan. „Was zahlt dir der Alte pro Stunde?“.

„Nichts“, antwortete Benedikt kurz angebunden. Sie wollte weitergehen, aber Jonathan tat so, als bemerkte er es nicht. Er rührte sich nicht von der Stelle. „Was?“, fragte er mit übertrieben geschauspielert Unglauben. „Nichts? Wie lange hast du den Köter jeden Tag an der Strippe?“ Er blickte sie an, legte den Kopf auf die Seite und beantwortete seine Frage nach kurzem Überlegen selbst. „Eine Stunde grob geschätzt. Ganz schön bescheuert, jeden Tag eine Stunde für nothing zu arbeiten, meinst du nicht?“

Benedikt starrte ihn an. Seine Verärgerung machte allmählich eine ziemlichen Wut Plat. Dabei merkte er genau, dass Jonathan das alles nicht nur sagte um ihn zu ärgern, sondern seine Worte wirklich ernst meinte. Benedikt seufzte. Er sah ein, dass es ziemlich sinnlos war, das Gespräch fortzusetzen. Wenn sie weiter miteinander redeten, würden sie nur in Streit geraten.

Er machte einen weiteren Schritt auf Jonathan zu und sah herausfordernd zu ihm hoch. „Lass mich vorbei“, sagte er. Willi, der die ganze Zeit schon unruhig an seiner Leine gezerrt und gejault hatte, schien  ihn zu verstehen, denn er schoss plötzlich auf Jonathan los und kläffte ihn kräftig an; ganz gegen seine sonstige Art.

Jonathan blickte auf den Hund herab, aber das Stirnrunzeln, mit dem er es tat, wirkte eher mitleidig, was Benedikts Zorn noch steigerte. einen Moment lang sah es beinahe so aus. als wollte der braunhaarige Junge die Sache auf die Spitze treiben und einfach stehen bleiben. Aber dann grinste er plötzlich, zuckte mit den Schultern und wendete sein Rad. Benedikt, zog Willi, hinter sich her und ging weitertöne auch nur noch einmal zurückzublicken.

Jonathan sah ihm einen Moment lang kopfschüttelnd nach, zog eine Grimasse und schwang sich wieder in den Sattel, um mit einem letzten,schrillen Kreischen seiner Klingel weiterzureden.

Er war noch keine fünfzig Meter gefahren, als ihm ein Kleinbus entgegen kam. Der Weg war an dieser Stelle sehr schmal – im Grunde handelte es sich nicht einmal um einen richtigen Weg, sondern nur um zweit ausgefahrene Spuren im Gras – und Jonathan musste an die Seite fahren und vom Rad absteigen, denn der Fahrer des Busses machte keinerlei Anstalten, zu halten oder auch nur sein Tempo zu vermindern; er drückte im Gegenteil noch kräftig auf die Hupe, als Jonathan nicht schnell genug den Weg freigab. Verärgert sah er dem Kleinbus nach. Der Wagen holperte an ihm vorüber und rumpelte auf Benedikt zu, aber statt auch ihn mit einem Hupen vom Weg zu scheuchen, leuchteten die Bremslichter des Busses plötzlich auf. Jonathan sah, wie die linke Tür geöffnet wurde und ein Mann ausstieg, der Benedikt eine Frage stellte.

Er konnte weder verstehen, was er sagte, noch was Benedikt antwortete, denn der Mann hatte den Motor laufen lassen und das harte Köpfen übertönte seine Worte. Aber er schien sich nach dem Weg zu erkundigen, denn Benedikt drehte sich um und deutete mit der Hand nach Westen. Willi wedelte mit dem Schwanz und beschuppteste die Hosenbeine des Mannes.

Und dann ging plötzlich alles viel zu schnell, als dass Jonathan auch nur richtig mitbekommen hätte, was geschah, ehe es auch schon vorbei war.

Noch während Benedikt sprach und mit der Hand den Weg entlangdeutete, öffnete der Mann die seitliche Tür des Kleinbusses. Und plötzlich riss er Benedikt die Leine aus der Hand, hob Willi hoch und warf ihn in den Wagen, ohne auf sein erschrockenes Kläffen und Strampeln zu achten. Blitzschnell warf er die Tür zu, schwang sich auf den Fahrersitz und brauste mit aufheulendem Motor los. Benedikt stand vor Schreck und Überraschung wie erstarrt da, den linken Arm noch ausgestreckt und die Hand halb geöffnet, wie in derm Moment,als ihm die Leine entrissen worden war.

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